Artikel Langweile macht kreativ

Gedächtnistraining

Langweilen Sie sich doch wieder einmal!

 

 

Am Feierabend endlich am Bahnhof angekommen, hallt die Nachricht über die Gleise, dass der Zug 10 Minuten Verspätung hat. Was geschieht? Wie durch einen inneren Zwang ausgelöst greifen unzählige Hände in die Tasche und zücken ein Handy. Denn was soll man jetzt sonst tun? Also nochmals die Mails checken, nachschauen, ob sich in Facebook was getan hat, nachsehen ob es mich und die Welt noch gibt oder einfach ziellos durch das Nachrichten-App streichen. Denn für viele Menschen ist Nichtstun eine der schlimmsten Tätigkeiten. Ohnmacht. Leere. Langeweile!

 

Da verabreichen sich einige Menschen lieber Elektroschocks als Langeweile zu ertragen. Dies berichten Autoren einer Studie im Fachmagazin Science. Forscher der Universität Virginia in Charlottesville (USA) setzten 42 Personen 15 Minuten in einen leeren Raum – ohne Ablenkung wie Handy oder Zeitung. Dafür aber mit einem manuell auslösbaren Elektroschocker. Dieser wurde den Probanden vorab demonstriert und dessen Wirkung als sehr unangenehm empfunden. Dennoch fügten sich fast 50 % der Studienteilnehmer (Männer mehr als Frauen) lieber selbst Schmerzen zu, anstatt ein paar Minuten still zu sitzen und nichts zu tun. Langandauernde monotone Langeweile kann zwar gesundheitsschädlich sein, aber eben ist auch hier die Dosis, die etwas zum Gift oder zur Medizin macht. Denn der Leerlauf im Kopf hat auch einen Nutzen.

 

Ruhig da sitzen, nichts tun, Gedanken schweifen lassen. Solche Pausen tun dem Gehirn sehr gut.

 

 

 

Langweile macht kreativ

 

Sandi Mann und Rebekah Cadman von der University of Central Lancashire wollten herausfinden, ob Langeweile einen Einfluss auf die Kreativität hat. 40 Versuchspersonen mussten eine Viertelstunde lang Nummern aus einem Telefonbuch abschreiben. Danach mussten die Teilnehmer der Studie einen Kreativitätstest absolvieren. Sie sollten sich möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für zwei Styroporbecher einfallen lassen. Die soeben der Langeweile entronnenen Probanden schnitten bei der Aufgabe signifikant besser ab, als eine Vergleichsgruppe von Teilnehmern, die den Test einfach so absolvierten. Offenbar tritt ein Sättigungseffekt ein, wenn unser Bewusstsein zu lange mit einer Arbeit vertraut wird, die ihm keine neuen Eindrücke und Erkenntnisse beschert. Es schickt dann die Gedanken auf Wanderschaft und versucht auf diese Weise, den Mangel an äusserer Stimulation aus dem Inneren heraus zu kompensieren. Wenn von aussen nichts Neues kommt, erschafft es sich das Gehirn eben in sich selbst.

 

Ein weiteres Experiment mit drei Gruppen bestätigte diese Ergebnisse. Die Probanden sollten entweder in Telefonbüchern lesen, Nummern kopieren, oder sie wurden glücklicherweise von beidem freigestellt. Am kreativsten waren jene mit der langweiligsten Aufgabe.

 

Aber wieso gibt uns Langeweile einen kreativen Kick? Professor Andreas Elpidorou von der Universität von Louisville (USA) schreibt im Journal Frontiers in Psychology, dass sie dabei helfe, die Wahrnehmung wieder auf Sinn- und Bedeutungs-volles zu lenken. "Ohne Langeweile würde man in unbefriedigenden Situationen verharren. Sie ist eine Warnung, dass wir nicht das tun, was wir tun wollen und ist damit zugleich ein Antrieb."

 

Heute langweilt sich kaum noch jemand. Meist verhindert das Smartphone oder andere moblie Geräte jeden Leerlauf im Kopf. Das ist schade, denn eigentlich könnte man sich mal dem Moment überlassen und aus dem Zustand der ständigen Aktivität heraustreten.

 

Lassen Sie doch beim nächsten Mal, wenn Ihr Zug eine Verspätung hat, Ihr Handy in der Tasche und gönnen Sie Ihrem Gehirn eine kreative Auszeit!