Artikel-Auswendiglernen

Also doch! Stupides Auswendiglernen ist eine der effektivsten Lernmethoden. Allerdings kommt es auf die Art des Lernens an. Mit assoziativ, fantasievollem Lernen und Wiederholungen, wie es Gedächtniskünstler tun, erreicht man einen höchstmöglichen Lernerfolg. Das beweisen jetzt auch wissenschaftliche Studien.

Davon träumt jede Studentin und jeder Student. Einfach sein Gehirn öffnen, Trichter ansetzen und Wissen rein. So wie es der in Unmut geratene Nürnberger Trichter vorzeigt. Das ganze zu lernende Wissen würde so ganz einfach in das Gedächtnis fliessen und für immer abrufbereit vorhanden sein.


Das gibt es doch nicht! Oder doch?


Lernforscher haben verschiedene Lernmethoden miteinander verglichen und getestet, mit welchen man sich schnell und bequem Wissen aneignen kann. Und das Ergebnis zeigt, dass das memorisierende Auswendiglernen mit regelmässigen Wiederholungen am effektivsten sind. Wissenschaftler des Psychologischen Institut der Purdue Universität in Indiana rund um den Studienleiter Jeffrey Karpicke sind richtiggehend begeistert, von den positiven Resultaten, welche Wiederholungen beim Lernen ergeben. Karpicke hält nicht sehr viel von Schaubilder mit Pfeilen und Diagrammen. Er hat an 100 Studenten komplizierte und einfache Lernmethoden getestet und kommt, wie er in der Zeitschrift „Science“ erklärt, zum eindeutigen Schluss: Einfacher ist mehr.

Gemäss Lehr- und Lernforscherin Professorin Elsbeth Stern der Universität Zürich, sei Auswendiglernen aber nicht immer die richtige Methode, „Wenn Schüler im Schulunterricht die Hauptstädte aller Länder Europas auswendig lernen sollen, dann ist das grundsätzlich eine sinnvolle Aufgabe. Aber nur, wenn die Schüler überhaupt ein Bild von Europa haben“, sagt sie. Wenn eine Lehrperson ein völlig neues  Thema unterrichte, dann seien andere Methoden geeigneter, darunter auch sogenannte Concept Maps. Dabei handelt es sich um eine Notiz- oder Strukturierungsmethode, die helfen soll, komplexe Themen einfach darzustellen. Informationen, die mit dem neuen Thema zu tun haben, werden mit Pfeilen verbunden und sollen helfen, den Lernstoff besser zu strukturieren.


Genau solche Concept Maps, auf die viele Lehrpersonen schwören, wurden von Karpicke und seinem Team mit simplem Auswendiglernen verglichen. In zwei Experimenten sollten Schüler wissenschaftliche Texte lesen und in einem anschliessenden Test so viel wie möglich vom Inhalt wiedergeben. Vom ersten Artikel sollten sie eine Concept Map kreieren, den anderen Text versuchten sie sich durch Wiederholungslernen einzuprägen. Obwohl die meisten Studenten vorher vermutet hatten, dass sie durch die Anwendung von Concept Mapping erfolgreicher lernen würden, konnten sie sich mehr vom Inhalt merken, wenn sie ihn bloss wiederholt hatten. Und das galt nicht nur für das Kurzzeitgedächtnis. Als die Probanden eine Woche später wieder zum Test erscheinen mussten, konnten sie sich auch dann noch besser an Inhalt und an Details aus dem Text erinnern, welchen sie nur wiederholt hatten.


Zu sagen, Auswendiglernen, sei der Schlüssel zum Erfolg, findet Bildungsexpertin Stern dann doch nicht richtig. „Man sollte aus der Pädagogik keine Mode machen. Es gibt eben nicht nur die eine perfekte Methode“, sagt sie. In den letzten Jahren sind Lernformen wie Auswendiglernen aber auch Frontalunterricht zu Unrecht in Verruf geraten: Für jede Anforderung gäbe es die richtige Methode.


Wie gut sich ein Schüler neues Wissen merken kann, hängt aber auch davon ab, wie er die neuen Fakten in sein bisheriges Wissensnetz einbindet. Das vorhandene Wissen in unserem Kopf kann man sich wie ein Netzwerk vorstellen. Neue Informationen ordnen wir Merkmalen und Beispielen zu und setzen sie mit anderen Begriffen in Verbindung. „Je mehr ein Schüler zu einem Begriff weiss, desto mehr Verbindungen kann er knüpfen und desto stabiler wird das Wissen. So kann er das Erlernte länger behalten“, sagt Stern.

Neuronale Verbindungen zu knüpfen, also Neues zu lernen, fällt uns Menschen dann besonders leicht, wenn wir darin einen (höheren) Sinn erkennen. Bei einem Hobby lernt man in kurzer Zeit viel Neues, weil es einem Spass macht. Von Lernberatern ist oft der Tipp zu hören, sich auch bei vermeintlich sinnlosen Lernaufgaben zu überlegen, ob einem dieses Wissen irgendwie weiterbringt. Lerne ich Vokabeln einer Fremdsprache nur wegen guten Noten oder kann ich in den nächsten Ferien im Ausland schneller und einfacher mit den einheimischen Menschen in Kontakt treten?


Daher empfiehlt sich bei der Wahl der Lernmethode genau abzuklären, welche Art von Prüfung ansteht. Für einen Multiple-Choice-Test muss man anders lernen als für einen Aufsatz, in dem man komplexe Zusammenhänge erklären soll. Etwas fällt vielen Lernforschern und Wissenschaftlern auf: Studenten würden den Lernstoff zu wenig wiederholen. Wer für einen Test lernt, der zum Beispiel in zwei Monaten ansteht, der sollte sich in den letzten drei Wochen keine neuen Wissensinhalte mehr zuführen. Circa ein Drittel der Lernzeit sollte fürs Wiederholen verwendet werden.

Diese Website nutzt Cookies, um Ihnen die bestmögliche Funktionalität bieten zu können.

Erfahren Sie mehr
Verstanden